Masken im Mohn

Da ich selbst eine Seelenpartnerschaft lebe, werde ich natürlich häufiger gefragt, was das denn überhaupt ist. Ein Seelenpartner ist im Grunde einfach eine andere Person, deren Innerstes ganz mit deinem übereinstimmt („aus demselben Seelenstoff gemacht“).

Du erkennst einen (denn du kannst mehrere treffen) Seelenpartner daran, dass es auf Anhieb eine unerklärliche Anziehung zwischen euch beiden gibt und ihr dieselben Werte und Vorlieben teilt.

Das klingt ja ziemlich paradiesisch, oder? Ist es aber leider nicht. Denn parallel zu der – zunächst tief unterbewussten – Erkenntnis, dass ihr in eurem Wesenskern übereinstimmt und dieselben Kerneigenschaften teilt, kommt die Erkenntnis – und diese sogar teils bewusster -, dass ihr völlig unterschiedliche physische Voraussetzungen habt, durch eure bisherigen Erlebnisse im Leben völlig anders geprägt wurdet, und deshalb völlig unterschiedliche Menschen seid.

Wenn jetzt noch wechselseitige sexuelle Anziehung dazu kommt, bricht erst einmal das totale Chaos über euch herein.

Und? wozu das Ganze? Der eine ist groß, die andere klein. Beide lieben Beethoven. Der eine ist bindungsfähig, die andere nicht. Beide treffen immer dasselbe moralische Urteil. Der eine ist rastlos und zieht um die Welt, die andere bodenständig und wünscht sich Familie. Beider Berufung ist es, Menschen bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen. Die eine ist selbständige Unternehmerin und stellt ihre Kunden an erster Stelle in ihrem Leben, der andere ist unglücklich fest angestellt.

Klingt anstrengend, oder? Ist es auch. Und schmerzhaft. Durch die ganz allmähliche – sich langsam zwischen die aufregende gemeinsame Zeit, zwischen die abgrundtiefe, nie zuvor erlebte Einsamkeit ohne den anderen, zwischen die Zweifel an allem, was man bislang geglaubt hat, drängende – Erkenntnis: Der andere ist wie ich. Und alles, was an ihm anders ist als an mir und alles, was an mir anders ist als an ihm – das ist in Wirklichkeit keiner von uns beiden. Das sind anerzogene Muster, vernarbte Traumata, alte Glaubenssätze, unterschiedliche Sozialisierung.

Und natürlich kann jetzt keiner von beiden (was auch wieder zu großem Chaos führen würde) all diese Dinge, die einen geprägt haben, einfach abwerfen, um zum anderen zu gelangen (oder noch chaotischer, beide versuchen das gleichzeitig und laufen zwangsläufig aneinander vorbei). Nein, es geht darum, sich jeweils besser kennenzulernen, sich mit all seinen Prägungen UND all dem, was darunter verschüttet wurde, anzunehmen. Das kann einzeln sein, das kann sein in einer Partnerschaft, oder in immer wieder kehrenden Begegnungen über die Zeit hinweg.

Wenn ihr einen Seelenpartner trefft, dann schaut ihm lange schweigend in die Augen – wünscht euch Antje

PS: Die Originalstudie von Arthur Aron zu den gerade durchs Netz gehenden „Schaue einem Wildfremden vier Minuten lang in die Augen …“ findet sich hier.