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Auf meiner Website rede ich ganz selbstverständlich von Hoch- und Vielbegabung, aber natürlich gibt es auch hier wieder keine klare Definition. Deshalb möchte ich heute mein Verständnis erklären:

Für Hochbegabung gibt es immerhin die bekannte Definition, in einem bestimmten Standards genügenden IQ-Test einen IQ zu erzielen, der statistisch gesehen höher ist als der von 98% der Referenzgruppe (der Bevölkerung). Schon hier gibt es viele Variablen: Langfristig schneidet die Bevölkerung in IQ-Tests immer besser ab, die Gaußsche Glockenkurve verschiebt sich also nach rechts. Die Standard-IQ-Tests messen vor allem mathematisch-logische und sprachliche Intelligenz. Das ist einerseits recht einseitig, andererseits korreliert die sprachliche Intelligenz stark mit sozialem Hintergrund. Das Abschneiden in IQ-Tests ist zudem nachgewiesenermaßen sowohl von der Tagesform als auch von den Persönlichkeitsmerkmalen, die in der Testsituation gefragt sind (Stressresistenz, Selbstwertgefühl, bei Gruppentests auch Geräuschempfindlichkeit, Abgrenzungsvermögen, usw.) abhängig.

Was meine ich jetzt also, wenn ich – bewusst zusammengezogen – von Hoch- und Vielbegabung rede? Ich meine dann diejenigen, die zwar – möglicherweise nicht in einer Gruppentestsituation und möglicherweise erst mit „Üben“ – in einem IQ-Test mehr als 130 Punkte erreichen, denen das aber nicht reicht: Weil sie wissen, dass Begabung nicht nur mathematisch-logische und sprachliche Intelligenz, sondern auch emotionale, kinetische, künstlerische, musische, kreative, usw. Begabungen umfasst. Menschen, deren Wissbegierde und Entdeckungsfreude größer ist als ihre Angst und deren Empathie Ehrgeiz, Neid und Habgierde überwindet.

Wow, wie komme ich denn mal wieder zu dieser gewagten Schlussfolgerung?

Nun ja, in IQ-Tests werden Teilbereiche von Intelligenz gemessen. Aber was der Mensch daraus macht, das sagen solche Test überhaupt nicht aus. Ein hoher IQ, eine hohe mathematisch-logische und sprachliche Intelligenz können dazu verwendet werden, seinen Horizont zu erweitern und erfüllt als Hochbegabter zu leben. Sie können aber auch zur Befriedigung vorgegebener Ziele oder von Eitelkeiten verwandt werden. Umgekehrt können Menschen an ihrem Intelligenzpotential auch so sehr leiden – nämlich dann, wenn sie nicht wissen, wie sie ihre Fähigkeiten für ihre und nicht für fremdbestimmte Ziele einsetzen – dass sie es nicht erkennen, vor sich und anderen verstecken, gar (unterbewusst) aktiv verleugnen.

Das alles wird Hochbegabung genannt. Zur Hoch- und Vielbegabung wird es, wenn zur mathematisch-logischen und sprachlichen die emotionale Intelligenz hinzukommt: Als Empathie für sich selbst und für andere. Grundlage emotionaler Intelligenz ist häufig (aber nicht notwendig) eine hohe (über-) sinnliche Sensitivität. (Umgekehrt führt Hochsensibilität nicht immer zu emotionaler Intelligenz, nämlich dann, wenn die hochsensible Person mit sich nicht im Reinen ist und ihre sensiblen Seiten verleugnet oder bekämpft.) Hier geht es also um einen erweiterten Horizont in alle Richtungen.

Befreit lebende Hoch- und Vielbegabte sind also: Besonders schnell im Herstellen logischer Verknüpfungen und umgekehrt im Erkennen logischer Brüche (im Verhalten anderer, in Texten, in unseren gesellschaftlichen Systemen …). Besonders empathisch sich selbst gegenüber, das heißt sie sind selbst hoch reflektiert und kennen sich gut. Besonders empathisch gegenüber anderen – erkennen die Gefühle anderer Personen, manchmal besser und schneller als diese selbst, haben ein sehr gutes Gespür für Gruppenstimmungen und -dynamiken, verstehen sich mit den unterschiedlichsten Personen. Besonders gut darin, sich anderen mitzuteilen, verbal und non-verbal. Besonders gut darin, den Überblick zu wahren, sich ins große Ganze zu denken, immer noch eine Auswirkung mehr zu berücksichtigen, Visionen von funktionierenden Systemen zu entwickeln.

Das entspricht nicht unserem Bild vom einsamen, sozial inkompatiblen, mathematisch oder musisch höchst begabten Genie. Hier haben wir es mit einer ganz anderen Gruppe zu tun, den so genannten Inselbegabten. Bei diesen Personen ist ein Begabungsbereich besonders stark ausgeprägt, während die anderen Bereiche, häufig die emotionale Intelligenz, eher gering oder sogar unterdurchschnittlich ausgeprägt sind, oder die Person mehr oder minder stark ausgeprägte autistische Persönlichkeitsmerkmale aufweist. Auch Hoch- und Vielbegabte können zusätzlich zu ihrer Hoch- und Vielbegabung noch besonders ausgeprägte Inselbegabungen aufweisen. Die sind dann besonders anstrengend für ihre Umgebung 😉

So, und weil wir jetzt schon dabei sind, noch zwei Sätze zu den oben auch schon angesprochenen Hochsensiblen: Hier geht es darum, dass Personen die Reize, die wir alle wahrnehmen – Eindrücke der mehr als fünf Sinne, also Berührung, Geräusche, Gerüche, Licht, Stimmungen anderer Personen, räumlich oder zeitlich entfernte Geschehnisse, usw. – besonders stark und im Vergleich zu anderen quasi ungefiltert empfinden. (Das erklärt auch, warum hochsensible Hochbegabte in IQ-Tests häufig nicht „gut“ abschneiden.) Die hohe sinnliche Empfänglichkeit führt zum einen zu einem erhöhten Bedürfnis nach Rückzug und Abgrenzung. Wird dieses Bedürfnis nicht adäquat erfüllt, läuft die hochsensible Person gleichsam „verstopft“ durch die Welt. Sie muss regelmäßig „Auftanken“ (was eigentlich eher ein Reinigungsprozess ist).

Andererseits: Wird diese hohe Empfindsamkeit befreit ausgelebt, ist sie natürlich eine perfekte Basis für eine hohe Empathie und damit hohe emotionale Intelligenz und damit eine wichtige Komponente der Hoch- und Vielbegabung. Emotionale Intelligenz kann aber auch durch eine gute Beobachtungsgabe kombiniert mit einer zum anderen hingewandten Persönlichkeit entstehen. Und natürlich kann man auch seine sinnliche Sensitivität trainieren bzw. darauf achten, dass diese nicht abstumpft.

Fazit: Ich wünsche dir, dass du all deine Begabungen entspannt und befreit auslebst. Und das bedeutet eben nicht, in irgendetwas nach herkömmlichen messbaren Maßsstäben „der beste“ zu sein. Viel häufiger bedeutet das, die gewohnten Maßstäbe in Frage zu stellen, weil man in ihnen Widersprüchlichkeiten entdeckt oder weil man noch eine Auswirkung gefunden hat, die bislang übersehen wurde. Regelmäßig bedeutet es auch, nach herkömmlichen Maßstäben „Gnade vor Recht“ ergehen zu lassen, anderen großzügig „den Sieg“ zu überlassen, sich mehr für andere als für sich selbst einzusetzen, das sachliche Ziel über den eigenen „Erfolg“ zu priorisieren, sich nicht so bedingungslos mit einem Weg, einer Methode, einer „Karriere“ identifizieren zu können, als dass man sich nach herkömmlichen Maßstäben darin „seine Sporen verdient“ hätte.

Wie du als entspannt und befreit lebender Hoch- und Vielbegabter dennoch in die Fülle deiner Macht gelangst, darüber schreibe ich demnächst.

Herzlichst, Antje