Auch dieses Jahr wollte ich mal wieder etwas außerhalb meiner Komfortzone machen. Da ich mich gerne fortbilde, entschied ich mich für eine Ausbildung zum Hypnotiseur/HypnoTherapeuten/HypnoCoach. Jetzt im Nachhinein fällt mir auf: Allein die Vielfalt der Bezeichnungen für den Abschluss derselben Ausbildung (und noch einiges mehr) hätte mich misstrauisch machen sollen. Ich probiere manchmal gerne Sachen aus, gegen die ich Vorbehalte/Vorurteile haben, einfach, um diese Einstellungen zu testen. Manchmal bestätigen sich dadurch meine „Vorurteile“ nicht nur, sondern ich gewinne sogar noch erschreckendere Erkenntnisse. So ist es mir hier passiert.

Von sieben Ausbildungstagen habe ich an fünf teilgenommen und bin kein HypnoCoach geworden: Die vermittelte Grundhaltung hat absolut nichts zu tun mit meiner Grundhaltung als Coach.

Erstmal zum Anfang: Hypnose ist im Grunde nichts anderes als Trance – etwas, das kulturell und individuell sehr geläufig ist – die Trance beim intensiven Tanzen zu rhythmischer Musik, gerade im Dunkeln, der Übergang vom Wachen ins Schlafen, die so genannte Autobahn-Trance beim zügigen Fahren, eventuell kombiniert mit Musik, Tagträume, Phantasiereisen, Entspannungstechniken. Ein körperlich wie psychisch beruhigender, entspannender, regenerierender Zustand.

Aber auch ein Zustand, in den man nicht völlig unerwartet in alltäglichen Situationen fallen will. Denn einerseits ist das Unterbewusstsein in diesem Zustand besonders empfänglich für Sugesstionen. Andererseits können unverarbeitete Emotionen und Erinnerungen ins Bewusstsein „gespült“ werden. Aufmerksamkeit und Konzentration funktionieren nicht alltagstauglich, unser chemisches Botenstoffsystem kann verändert sein. Ein Zustand also, über dessen Beginn und Ende man natürlicherweise die Kontrolle behalten möchte.

Hier fängt es schon an: Manche Hypnotiseure behaupten, diesen Zustand auch ohne oder sogar gegen den Willen des zu Hypnotisierenden herbeiführen zu können. Als Beleg soll die so genannte Blitzhypnose dienen, die auch dann funktionieren soll, wenn der zu Hypnotisierende gar nicht weiß, dass sein Gegenüber ihn hypnotisieren will. Sie soll auf den folgenden Elementen beruhen: Ablenkung / Überreizung / Überanstrengung des Gehirns (zum Beispiel durch Fixations-/Kraftübungen), plötzliche / überraschende Bewegung/Berührung am Körper des zu Hypnotisierenden, kombiniert mit dem autoritär ausgesprochenen Befehl „Schlaf!“. Durch die „Überrumpelung des Bewusstseins“ würde angeblich eine überaus hohe Aufnahmebereitschaft für den Befehl „Schlaf!“ erzeugt, auf den man mit Trance reagiere. Das erscheint mir rein evolutionär betrachtet völliger Quatsch: Der Mensch ist ja kein Opossum, das sich in Gefahrensituationen schlafend stellt, sondern ein Fluchttier mit entsprechenden Schutzreflexen. Die Überwindung dieser Schutzreflexe erscheint mir nur dann möglich, wenn beim zu Hypnotisierenden die (positive!) Erwartungshaltung besteht, hypnotisiert zu werden, kombiniert mit einem Grundvertrauen und einem Setting, in dem ihm Flucht/Abwehr als sozial absolut inadäquat erscheinen würde. So erklärt sich, warum Show-Hypnotiseure mit Kamerateam Passanten in der Fußgängerzone ansprechen und auf diese Weise „blitzhypnotisieren“ können, es aber keine (jedenfalls mir bekannten) Straftaten gibt, bei denen Täter ihr Opfer (ohne/gegen deren Willen) „blitzhypnotisieren“, um ihnen etwas zu stehlen, etcpp.

Kommen wir also zum zweiten: Hypnose ist, und sollte immer sein, eine Selbsthypnose, also ein willentliches Herbeiführen dieses Zustands bei sich selbst, eventuell angeleitet/unterstützt durch eine andere Person. Bei einer Beschäftigung mit Hypnose sollte Ziel deshalb sein, sich und seine Beziehung zu Trance besser kennen zu lernen.

Was tut nun ein HypnoCoach oder HypnoTherapeut? Als erstes kreiert er ein Setting, in dem der Hypnotiseur in einer Autoritätsrolle auftritt – also genau das Gegenteil eines Coaching-Settings, in dem Coach und Coachee auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Der zu Hypnotisierende hat in einem Liegesessel Platz zu nehmen, der Hypnotiseur sitzt auf einem Stuhl. Der Hypnotiseur „klärt“ den zu Hypnotisierenden über Hypnose „auf“ und demonstriert dabei seine vermeintlichen Kompetenzen. Während der Einleitung der Hypnose spricht alleine der Hypnotiseur; er richtet ausschließlich Imperative an den Hypnotisierten und lobt ihn für seine „Trance-Fähigkeit“ und seine Suggestibilität. Während der Sitzung stellt der Hypnotiseur zusätzlich zu den Anweisungen und Suggestionen Fragen, der zu Hypnotisierende bleibt in einer rein reaktiven Rolle.

Wodurch erzielen ausschließlich mit Hypnose arbeitende „Coaches“/“Therapeuten“ ihre Erfolge? Zu ihnen kommen natürlich auch diejenigen Klienten, die sie anziehen: Also Menschen, die einem Verfahren, in dem sie die Verantwortung an den „Therapeuten“ abgeben (dürfen), positiv gegenüber stehen. Menschen, die empfänglich für die Suggestionen anderer (nicht die eigenen! das ist ein ganz anderer Typ Mensch) sind. Menschen, die sich gerne etwas vormachen lassen. Menschen, die eine deutliche Ahnung haben, dass ihr Problem eine psychische Ursache hat, aber selbst nicht den Mut aufbringen, sich dies einzugestehen und die Konsequenzen zu akzeptieren. Menschen, die ihre Verantwortung gerne an Autoritätspersonen abgeben. Diese Menschen bekommen bei einem Hypnotiseur ganz großes Kino geboten: Durch seine Autorität schaffen sie es – was ihnen alleine nicht gelingt – in einen tiefen Entspannungszustand zu versinken. Der Hypnotiseur wird ihnen sodann eine Situation suggerieren, in der sie mit ihrem Problem (einer Phobie, der unwiderstehlichen Lust zu rauchen, Minderwertigkeitsgefühle, etcpp.) konfrontiert sind, wird sie in Trance tief in dieses Gefühl hineingehen lassen und es immer weiter verstärken. Dann wird er ihnen befehlen, in die Vergangenheit in die Situation zurückzugehen, in der sie dieses Gefühl zum ersten Mal verspürt haben.

Jetzt kommt das Nächste: Unser Gedächtnis und unser Unterbewusstsein funktionieren leider nicht wie eine Festplatte, auf der alles fein säuberlich in Ordnern und Dateien abgespeichert ist. Schon in der erlebten Situation ist unsere Wahrnehmung selektiv, und was davon wo abgespeichert wird, noch selektiver. Erinnerungen verändern sich zudem durch nachgelagerte Erfahrungen. Und beim Zugriff – auch beim Zugriff in Trance – werden die Erlebnisse neu rekonstruiert. Das bedeutet nicht, dass die Erinnerungen, die in Trance erlebt werden, nichts mit der Realität zu tun haben: sie entsprechen einer selektiven Rekonstruktion einer selektiv gespeicherten und im Laufe der Zeit immer neu bewerteten Realität.

Das ist für den Erfolg der Hypnose-„Therapie“ aber auch egal, denn es geht dort nicht um die Rekonstruktion von Vergangenheit, sondern – aber das habe ich noch auf keiner Hypnose-Seite und übrigens auch in keiner Hypnose-Kritik gelesen – um eine symbolhafte, ritualmäßige Nachstellung von Szenen, die exemplarisch für negative Erfahrungen des Klienten sind. Es handelt sich bei der Hypnose-„Therapie“ also im Grunde um Aufstellungsarbeit innerhalb der Vorstellungswelt des in Trance befindlichen Klienten.

Erlebt der Hypnotisierte nun also eine oder mehrere Beispielsszenen, in denen er ähnliche negative Gefühle empfindet wie diejenigen, die sein aktuelles Problem begleiten, fordert der Hypnotiseur ihn auf, diese Probleme zu lösen, entweder (nur) durch positive Suggestionen des Hypnotiseurs, oder indem der Hypnotisierte die Situation in seiner Vorstellungswelt auflöst, beispielsweise sich selbst als misshandeltes Kind tröstet, dem Vater vergibt, etcpp.

Was ist also Hypnose-„Therapie“? Ein kathartisches Erlebnis, im Trance-Zustand, unter autoritärer Führung. Das ist im Grunde, entsprechende Kompetenz und gute Absicht des Hypnotiseurs vorausgesetzt, etwas Positives, wenn auch kein Allheil- oder Wundermittel. Es kann allerdings bei entsprechender Empfänglichkeit des Klienten zu einem Wendepunkt in seinem Leben werden. Leider kann auch allerlei anderes passieren: Es kann zu tatsächlich verfälschten Erinnerungen kommen, in denen Eltern zu Monstern werden, obwohl sie ohne bösen Willen Fehler gemacht haben; es kann zu Retraumatisierungen kommen, wenn tatsächlich vollständig verdrängte Erlebnisse plötzlich wieder durchlebt werden, ohne dass der Klient hierauf vorbereitet war; es kann dazu kommen, dass in der Vorstellungswelt des Klienten Verantwortung von sich selbst zu anderen Personen verschoben wird.

Vergessen wir nicht: Der Hypnotisierte – eine für die Suggestion anderer überdurchschnittlich empfängliche Person – schreibt gerade seine Lebensgeschichte neu, festgemacht an symbolhaften Szenen, die häufig nie in der Weise statt gefunden haben, wie sie in der Trance als vermeintliche Erinnerung rekonstruiert werden, und das unter Führung einer Person, zu der keine Beziehung besteht als die in einem kurzen, von Autoritätsdemonstrationen geprägten Vorgespräch entstandene. Dem Hypnotisierten wird suggeriert: Du hast keine Schuld an deinem aktuellen Problem. Wir können es ganz leicht auflösen, in dem wir die dir in der Vergangenheit (ganz überwiegend in der Kindheit) zugefügten psychischen Wunden „heilen“. Und das ganze dauert maximal zwei Stunden.

Was dem Klienten dabei abgesprochen wird: Der Mut, sich seiner Vergangenheit im bewussten Zustand und selbst zu stellen; die Fähigkeit, zwischen Ursache, Wirkung und Schuld zu differenzieren und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen; die Willenskraft, Veränderungen selbstwirksam herbeizuführen. All diese wunderbaren Momente und die entsprechende Persönlichkeitsentwicklung werden dem Klienten vorenthalten. Deshalb bin ich kein HypnoCoach geworden.

Darüber hinaus war die Ausbildung, für die ich mich (in Trance?) entschieden hatte, selber eine Art durchgehende Wachhypnose: Das Programm so dicht – sieben zusammenhängende Tage von morgens 9 bis abends mindestens 18 Uhr, eher länger, zusätzlichen Hausaufgaben, knappen Pausen, so dass möglichst keine Zeit zur Reflexion, zum „Sich setzen lassen“ besteht; das Auftreten der Ausbilderin autoritär und keinen Widerspruch duldend, jede „unbequeme“ Frage oder Diskussion im Keim erstickend; die anderen Teilnehmer ohne Vorkenntnisse in wertschätzender Menschenbegleitung, mit offenkundigen ungelösten eigenen Problemen, ohne den Ansatz, diese Probleme professionell anzugehen; die Atmosphäre während des „Unterrichts“ direktiv, keinerlei Wertschätzung, zotige Witze über ernste Themen, die Teilnehmer „benebelt“ (oder durch die sich wiederholenden Übungen im Sinne einer Fraktionierung in Dauer-Trance?), autoritätshörig.

Ich bin zuversichtlich: Auch diese HypnoCoaches/HypnoTherapeuten werden die Klienten anziehen, die zu ihnen passen und die von der „Behandlung“ profitieren. In der Zwischenzeit werde ich mich dafür engagieren, dass Hypnose – so wie die viel „harmlosere“ Mediation – zum gesetzlich geschützten Begriff wird und HypnoseCoaches/HypnoseTherapeuten und vor allem Ausbilder bestimmte Qualitätsstandards erfüllen müssen.