Wahrnehmen, Verarbeiten, Speichern und Widergeben


 

Nachdem ich mich jetzt schon so lange mit Hochbegabung im Sinne von Hochintelligenz, Hochsensibilität und anderen Begabungsformen beschäftige, ist mir aufgefallen, dass sich die inzwischen vielgehörten Sätze „Hochsensibilität ist die Hochbegabung der Sinne“ und „Hochbegabung und Hochsensibilität treten häufig zusammen auf“ (bis hin zu den unzutreffenden Variationen „alle Hochbegabten sind hochsensibel“ oder „alle Hochsensiblen sind hochbegabt“) viel einfacher und klarer fassen lassen.

Aber zurück zum Anfang, wo haben meine Überlegungen ihren Ausgangspunkt genommen? Ganz einfach, bei den beiden Sätzen „alle Hochbegabten sind hochsensibel“ und „alle Hochsensiblen sind hochbegabt“ habe ich ein deutliches Störgefühl. Bislang konnte ich es aber nicht wirklich artikulieren. Ich war mir nur sicher, dass die Aussagen meinen Erfahrungswerten widersprechen.

Was an Fakten steckt nun aber in diesen Sätzen? Ausgangspunkt muss immer das herkömmliche Verständnis von Hochbegabung sein, nämlich ein IQ > 98% der Vergleichsgruppe. Der Intelligenzquotient misst dabei vor allem die logische Denkfähigkeit, das sprachliche sowie mathematische Können, räumliches Vorstellungsvermögen und auch die Gedächtnisleistung. Das heißt, er misst vor allem die Kapazität des Gehirns, Informationen zu verarbeiten (logisches, räumliches und mathematisches Denken), zu speichern und bei Bedarf abzurufen (Erinnerungsvermögen sowie sprachliche und mathematische Aufgaben – Sprache und, in geringerem Maße, Mathematik sind erlernt, also gespeichert).

Hochintelligenz kennzeichnet also außergewöhnliche Fähigkeiten in den Bereichen des Verarbeitens, Speicherns und, in geringerem Maße, Widergebens von Informationen.

Aber wo kommen die Informationen her? Richtig, wir müssen sie wahrnehmen. Wer oder was misst also, ob mensch auch eine hohe Fähigkeit hat, Informationen wahrzunehmen? Eine Aussage hierüber trifft die Hochsensibilität. Hochsensibilität meint nämlich eigentlich nur: Aus dem, was meine Sinne meinem Gehirn überliefern, entnehme ich deutlich mehr Informationen als andere. Also: Hochsensibilität ist die Hochbegabung der Sinne? Nicht ganz – denn es handelt sich um Abläufe, die wie die kognitive Intelligenz im Gehirn ablaufen: Es laufen die Informationsentgegennahmebereiche auf Hochtouren. Hochsensibilität kennzeichnet also außergewöhnliche Fähigkeiten im Bereich des Wahrnehmens von (durch die Sinne wie bei allen anderen Menschen auch gelieferten) Informationen.

So erklärt sich auch zwanglos, warum Hochbegabung und Hochsensibilität häufig zusammen auftreten (viele Informationen wahrzunehmen schult die Fähigkeit, diese Informationen auch irgendwie zu verarbeiten und zu speichern), warum aber lange nicht jeder Hochbegabte auch hochsensibel und erst recht nicht jeder Hochsensible (da häufiger) hochbegabt ist (weil es sich eben um unterschiedliche Fähigkeiten handelt). Und warum Vielbegabte hochsensibel und überdurchschnittlich intelligent, aber nicht unbedingt hochintelligent sind (weil sich schon aus der hohen Wahrnehmungsfähigkeit und der überdurchschnittlichen Verarbeitungskapazität Potentiale und Herausforderungen ergeben, die die Persönlichkeit in besonderem Maße prägen). Und es auch Hochsensible gibt, die zwar in ihrer Hörfähigkeit eingeschränkt sind, aber sehr empfindlich auf Geräusche reagieren (weil nicht die Sinne als solche besser entwickelt sind, sondern die Gehirnbereiche, die die Sinneswahrnehmungen auswerten). Und warum es Asperger-Autisten gibt, die mathematisch und sprachlich höchstbegabt sind (weil Intelligenztests weder die Fähigkeit messen, Informationen widerzugeben, noch die Fähigkeit, „Randinformationen“ wie „Zwischentöne“, Emotionen, Stimmungen, usw. wahrzunehmen). Und warum viele Hochintelligente sich so schwertun, sich anderen gegenüber verständlich zu machen (weil Widergabefähigkeit in Intelligenztests – variierend auch je nach Test – nur in eingeschränktem Maße abgefragt wird).

Wenn Hochsensibilität und Hochintelligenz dann tatsächlich zusammentreffen, vergrößert das natürlich die Möglichkeiten – mehr wahrnehmen als andere und auch noch mehr daraus machen können! Und das macht es natürlich auch noch einmal alles viel anstrengender: Wenn in bestimmten Situationen schon „normale“ Hochsensible an Reizüberflutung leiden, was soll dann erst der/die hochbegabte Hochsensible sagen, der/die aus allen diesen Reizen auch noch fünfhundert verschiedene „was liegt dem alles zu Grunde“ und „was kann daraus noch alles werden“ Szenarien bildet.

Eine Komponente wird bislang ziemlich vernachlässigt, die des Widergebens. Warum ist das so? Wahrscheinlich, weil es die einzige Komponente ist, deren Steigerung ausschließlich positive soziale Resonanz erzeugt: Eloquenz, korrekter Ausdruck, verständliche Sprache bringen soziale Vorteile und taugen nicht zur Pathologisierung, mithin – leider – auch weniger zur Erforschung und für Beratungsangebote. Ich kann mir sogar vorstellen, dass diejenigen Hochintelligenten, seien sie zusätzlich auch noch hochsensibel oder nicht, die über besonders gute Ausdrucksformen verfügen, in weit geringerem Maße mit den „typischen Hochbegabten-Problemen“ konfrontiert sind. Solche Personen geraten selten mit ihrem Umfeld in Konflikt und tragen ihre zwiespältigen Empfindungen lieber „mit sich selbst“ aus.