Vorbilder sind für mich eigentlich kein Thema. Ich habe nie jemanden genug bewundert, um ihn oder sie mir als Vorbild zu nehmen. Aber es gibt Menschen, mit denen ich mich gerne einmal unterhalten würde.

Genau genommen gibt es einen Menschen, den ich gerne einmal treffen würde. Ihr erratet’s? Genau: Jesus von Nazareth. Fischer, Wanderprediger, hingerichteter Verbrecher.

Worüber ich mich mit ihm unterhalten würde? Ich würde ihn sehr gerne fragen, wie er es geschafft hat, sein gesamtes Wirken auf alle drei relevanten Dimensionen gleichermaßen zu erstrecken: die individuelle, die soziale, und die politische.

Ist euch das noch nicht aufgefallen? Ich finde keine vergleichbare Person in der Geschichte oder auch Literatur, der oder die auf der Grundlage einer Botschaft – liebe deinen Nächsten wie dich selbst – sowohl Heiler als auch Gemeinschaftsgründer als auch Politiker war.

Man darf sich das ruhig mal auf der Zunge zergehen lassen: Der Mann ist ein äußerst sensibler Heiler. Er spricht mit chronisch Kranken – Blinden, Lahmen, Sündern – und lang verfestigte physiologische Zustände verändern sich in geringster Zeit, der einst ausgeschlossene Kranke beteiligt sich wieder voll an der Gemeinschaft. Ursache und Wirkung gehen in der „Wunderheilung“ ineinander über, und das ist das tatsächliche Wunder: Nicht die illustrative Raschheit der Genesung, sondern das offenkundige Verständnis des Heilenden für die psychischen Belange des Patienten. „Siehe, dein Glaube hat dich geheilt.“ – nicht der Sprecher heilt, er hat nur dabei unterstützt, die Selbstheilungskräfte des Kranken zu aktivieren. Aber mehr noch: Der Mann rettet die Ehebrecherin vor dem Tod, indem er ihr zeigt, dass sie nicht schlechter ist als ihre Familie, Freunde, Nachbarn, so dass sie sich selbst den Verrat an ihren Werten verzeihen kann. – „Nun geh hin und sündige nicht mehr:“ Bleibe dir selber treu. Lebe in Frieden.

Aber Jesus kümmert sich nicht nur um das kranke Individuum, er belebt auch die Gemeinschaft. Er spricht zu den Menschen, die wenig zu essen haben, woraufhin die spärlichen Vorräte solidarisch geteilt und alle satt werden. Keiner hat mehr Angst, dass der andere ihm sein Weniges wegnimmt und alle fühlen sich in der Gemeinschaft genährt. Solidarität verdrängt Angst. Er integriert selbt die vollständig Ausgeschlossenen wieder in die gemeinsame Kultur, indem er mit den Zöllnern feiert. Er nutzt seine Macht nie aus, überträgt Verantwortung, wo er kann: Als er im Sturm auf dem Boot schläft und als „Anführer“ geweckt wird, erinnert er seine Mannschaft daran, dass sie ihn nicht brauchen, um sicher an Land zu kommen. Er stupst die anderen liebevoll zusammen, ohne sich selbst eine „Position“ zu schaffen. Auch beim letzten Abendmahl gilt sein ganzes Bestreben, den Aposteln ihre Selbstwirksamkeit vor Augen zu führen.

Und noch weiter geht Jesus, er bildet nicht nur anarchische Solidargemeinschaften, nein, er betreibt Politik auf höchster Ebene. Mehr als einmal, sogar schon als Jugendlicher, argumentiert er die sozial herrschende Priesterkaste an die Wand und spart auch nicht an radikalen Demonstrationen, in denen unter anderem Tische zu Bruch gehen, um die ausbeuterische Verflechtung der materiellen Interessen Einzelner mit den spirituell-emotionalen Bedürfnissen Schwächerer anzuprangern. Gleichzeitig macht er spektakulär deutlich, dass die Befriedigung materieller Bedürfnisse immer hinter derjenigen der Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Entfaltungsmöglichkeit zurückstehen muss, als er salomonisch dem Kaiser die Münzen geben lässt, die dieser als Besatzungsmacht geprägt hat. Das Volk jubelt ihm zu, und als Pontius Pilatus ihn fragt: Hat das Volk ein Recht, dir zuzujubeln, da ist seine Antwort: So wie meine Thesen richtig sind und dem Volk Gerechtigkeit bringen, so richtig handelt das Volk, sie zu begrüßen.

Wie wär’s eigentlich mal mit der Bibel in radikal zeitloser Sprache?

Frohe Weihnachten wünscht euch allen Antje