Sonnenaufgang

Kann man als Hochbegabter und/oder Hochsensibler eigentlich in einem großen Unternehmen arbeiten? Gegenfrage: Warum nicht?

Weil man sich als Hochbegabter nur schwer in Hierachieen einordnet. Weil man als Hochsensibler weniger gerne in Gruppen arbeitet als mit einzelnen Menschen. Weil man als Hochbegabter wenig Geduld mit der Schwerfälligkeit größerer Organisationen hat. Weil man als Hochsensibler ein erhöhtes Rückzugs- und Abgrenzungsbedürfnis hat. Weil man als Hochbegabter und Hochsensibler besonders unter Ungerechtigkeit leidet und am liebsten im eigenen Tempo arbeitet.

Gute Gründe, warum du als Hochbegabter und Hochsensibler lieber dein eigenes Ding machst? Ja und Nein. Erstens: Auch wenn du dich als Solopreneur selbständig machst, im einsamen Kämmerlein forschen möchtest oder zurückgezogen künstlerisch tätig sein willst: Du wirst dich immer innerhalb eines größeren sozialen Systems wiederfinden: Seien es deine Kunden, dein Netzwerk, dein Publikum, eine Glaubensgemeinschaft, ein Hilfsverein, ein Forschungsinstitut, oder sonst eine Gruppe. Zweitens: Auch in einem größeren sozialen System kannst du dein eigenes Ding machen.

Wie einfach oder wie schwer das ist, hängt davon ab, wie dicht oder lose dieses System geknüpft ist, wie dynamisch oder starr seine Strukturen sind, über wie viele eigene Normen das System verfügt und wie hoch die soziale Kontrolle innerhalb des Systems ist. Grundsätzlich benötigt man aber die selben Fähigkeiten, um erfolgreich und entspannt „sein Ding“ zu machen.

Welche sind das? Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstliebe. Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Abgrenzungsfähigkeit. Kenntnis der durchschnittlichen und deiner eigenen Maßstäbe, Respekt vor dem Faktischen und Hingabe an das Leben.

Die erste Trias erklärt sich wahrscheinlich selbst: Ob hochbegabt und hochsensibel oder nicht, je mehr man mit sich selbst im Reinen ist, desto einfacher wird positive Interaktion mit anderen. Fühlst du dich wertlos oder projizierst du deine Probleme auf dein Gegenüber, ist es natürlich schwer, dich auf andere einzulassen.

Das führt uns direkt zur zweiten Trias: Beim anderen sein zu können heißt bei sich selbst zu sein. Für Hochsensible ist das besonders wichtig: Nimmt man sowohl die eigenen als auch fremde Gefühle besonders intensiv wahr, kann diese aber nicht auseinander halten und nicht einzeln verarbeiten, führt das schnell zu Überforderung, schlimmstenfalls zu totaler Erschöpfung. Aber auch als Hochbegabter sind Achtsamkeit und Abgrenzung wichtige Themen: Das Ausführen von Routineaufgaben, das viele Menschen (zwischen zwei Herausforderungen/Unterhaltungen) durchaus entspannt, passt für dich halt zu keiner Zeit, sondern langweilt dich umgehend und führt zu schlechter Laune, Konzentrationsschwierigkeiten, schlimmstenfalls Bore Out.

Kommen wir zu Nummer drei: Hier liegt für Hochbegabte oft die größte Herausforderung. Deshalb im Einzelnen: Kenne deine Maßstäbe und die der anderen Akteure deines sozialen Systems. Oh, oh, oh … jetzt kommt der typische Hochbegabte: perfektionistisch und gleichzeitig vom Hochstapler-Syndrom betroffen. Oh je … was passiert jetzt? Hochbegabter tut etwas. Gegenüber (nicht hochbegabt) denkt sich: Übergründlicher, die Dinge viel zu viel komplizierender Streber. Hochbegabter denkt sich: Ich bin nicht gut genug …

Jetzt kann es in zwei Richtungen weitergehen (wer kennt noch die Lustigen Taschenbücher-Geschichten mit unterschiedlichen Endversionen? *love*). Entweder denkt Hochbegabter: Ich muss noch besser = gründlicher, komplexer, schneller werden. Oder: Ich muss mehr so werden, wie mein Gegenüber es erwartet. In Variante 1 driften Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen in eine Abwärtsspirale. In Variante 2 erfolgt eine Verkrümmung – Hochbegabter passt sich nach unten an: Eine besonders nutzlose Verschwendung von Energie – sich mehr Mühe geben, mehr investieren, um – objektiv – schlechter zu werden und einem (fremden!) subjektiven Maßstab besser zu entsprechen.

Schlecht, und irgendwie auch unhöflich, denn auch das Gegenüber kommt dabei schlecht weg: Es erhält entweder ein Ergebnis, das er nicht versteht und dessen Qualität er nicht schätzen kann, und ein Gegenüber, dessen Verzweiflung er nicht nachvollziehen kann und möglicherweise für arrogant, schlimmstenfalls für psychisch pathologisch hält. Oder das Gegenüber erhält das, was sie erwartet, wird aber unschuldigerweise zum Energieräuber am Hochbegabten und zum Potentialunterdrücker im Karma. Deshalb insgesamt ziemlich unpraktisch.

Also, und ich glaube, das ist eine der wichtigsten Lektionen für alle Hochbegabten, ob im Kindergartenalter, in der Kindheit, Jugendzeit oder auch als Erwachsener, kurz: lebenslang – sein eigenes Potential, seinen Anspruch und sein Können (= Maßstäbe) und das der anderen einschätzen zu lernen. Immer wieder neu, für jedes Gebiet, jeden Lebensabschnitt neu. Und dann, in diesem Bewusstsein, ergeben sich authentische und erfolgversprechende Handlungsmöglichkeiten: Mit diesem Wissen ausgestattet lässt sich gut abwägen, ob Hochbegabter sich in bestimmten Situationen an die Maßstäbe der anderen bzw. der vorherrschenden Gruppe des sozialen Systems anpasst, und das dann aber ganz entspannt – er braucht ja einfach nur weniger, nicht mehr zu investieren – oder ob Hochbegabter befreit seinen Maßstäben genügt und gleichzeitig die anderen durch Erklärungen, Wiederholungen oder Geschwindigkeitsreduktion mit ins Boot holt. Oder eine Kombination aus beidem.

So oder so: Die Welt wird dadurch ein kleines bisschen besser. Denn entweder hat Hochbegabter noch freie Ressourcen (er liefert ja ganz schnell die 100% nach herkömmlichen Maßstäben – nämlich mit 20% Aufwand -> 80% der eigenen Maßstäbe (pareto-optimaler Energie-Einsatz!)) und kann damit quantitativ in mehr Fällen für andere (aus deren Sicht) 100% liefern. Oder Hochbegabter hat sein soziales System qualitativ verbessert, dadurch, dass er Teile hiervon über die bisher als Optimum wahrgenommen 100% gebracht hat. Cool, oder?

Wenn diese Stufe erst einmal erreicht ist, kommt der Respekt vor dem Faktischen – den herrschenden sozialen Normen, dem Mehrheitswillen, dem Nivellieren zur Mitte hin – ganz automatisch: Wenn ich mein eigenes Sein in all seinen Facetten respektieren kann, dann selbstverständlich auch das der anderen. Leben und leben lassen – irgendeine Macht, wie auch immer wir sie benennen wollen – in uns allen und Allem hat uns genauso erschaffen, wie wir sind. Wir sind, also machen wir Sinn. Und die Hingabe ist nur die ins Tätige übersetzte Liebe für sich selbst, den anderen und das Leben.

Und für alle, die mit dem Lesen bis hierhin durchgehalten haben: Was hat das jetzt mit dem Titel „Von der Ohnmacht in die Fülle der Macht“ zu tun?

Viel: Ohnmacht bedeutet im Grunde, nicht wahrgenommen, ignoriert, missachtet zu werden. Etwas, was Hochbegabten und Hochsensiblen insofern häufig passiert, als sie nur wenigen Menschen begegnen, die sie auf Anhieb in ihren Besonderheiten wahrnehmen und wertschätzen (können). Von der Ohnmacht in die Fülle der Macht gelangt Hochbegabter, indem sie mit ihren Besonderheiten ganzheitlich und damit authentisch sichtbar wird – sich sichtbar macht – sich zu erkennen gibt (Lesetipp: Thomas Mann, Jospeh und seine Brüder).

Macht bedeutet ja nicht, Kontrolle auszuüben – im Gegenteil, das ist oft ein Zeichen von Machtlosigkeit, also Ohnmacht. Macht bedeutet, präsent zu sein, teilzunehmen, teilzuhaben – an sozialer Interaktion.

Wenn du also die Welt verbessern möchtest, indem du in einer großen Organisation arbeitest, dann lass dich nicht davon abhalten, dass du hochbegabt und/oder hochsensibel bist 🙂

Viel Erfolg und Freude dabei wünscht dir Antje

PS: Ist es nicht unheimlich schön, komplex und kompliziert sein zu dürfen? – Ja, ganz unheimlich und schön 😉