Vielbegabung und Kreativität


Kreativität ist für mich die Königsdisziplin unter den Talenten von Hoch- und Vielbegabten. Mit klassischen IQ-Tests wird sie nicht gemessen. Ein hoher IQ alleine reicht auch nicht aus als Voraussetzung für Kreativität. Aber: Sehr viele kreative Menschen wissen gar nicht, wie intelligent (im klassischen Sinne) sie sind.

Viel zu selten – und gesellschaftlich so gut wie gar nicht – wird klargestellt, dass Kreativität die wahre Intelligenzleistung ist. „Normale“ Erfolge – gute Schul- oder Studiennoten, „Karriere“, hohes Einkommen etc. – können zwar durch den Einsatz von Intelligenz (mit-)erreicht werden. Hinzukommen müssen aber bestimmte Persönlichkeitseigenschaften wie insbesondere Anpassungsfähigkeit, Resilienz, Kommunikationsfähigkeit, ‚gesunder Egoismus‘, Durchsetzungsfähigkeit, Zielstrebigkeit.

Kreative Leistungen (und dazu zähle ich künstlerische, wissenschatliche und soziale) hingegen zeichnen sich dadurch aus, dass in ihnen mit Hilfe logischen Denkens und handwerklicher Fertigkeit Emotionen und Werte bearbeitet und weiterentwickelt werden. Die Intelligenz (im klassischen Sinne) wird hier also nicht dafür eingesetzt, vorgegebene Ziele zu erreichen, sondern um aus der eigenen Persönlichkeit heraus Neues zu erschaffen.

Dies ist nicht nur die höherwertige Leistung, als eine bereits vorgedachte Lösung zu erarbeiten (wie sie beispielsweise in Schul- und Universitätsprüfungen ganz überwiegend abgefragt werden), sondern auch eine gesunde Art und Weise, Intelligenz einzusetzen und anzuwenden. Denn Intelligenz selbst ist ja wertneutral – mensch kann sie zum Guten wie zum Schlechten einsetzen (genauso übrigens wie Hochsensibilität und -sensitivität).

Psychisch gesunde, in sich ruhende Menschen, die sich selbst gut kennen und sich mit ihren Stärken und Schwächen annehmen, setzen ihre Begabungen aber genau dafür ein: zur persönlichen und gemeinschaftlichen Verwirklichung von Werten und Weiterentwicklung.

Und genau das tun Kreative: Auch wenn häufig dem Künstler oder dem Genie psychische Unausgeglichenheit oder gar Krankheit nachgesagt wird, so ist das meiner Ansicht nach vom Grundsatz her nicht tragend. Vielmehr bricht sich die gesellschaftliche Krankheit an der kreativen Persönlichkeit und wird dadurch sichtbar.

In jedem Fall führt die herkömmliche gesellschaftliche Wahrnehmung dazu, dass sich Kreative in der Regel als abgesonderte soziale Gruppe verstehen. Sie sind aber tatsächlich ein besonders gesegneter Spezialfall der Hoch- und Vielbegabten. Gerade unter Musikern und Wissenschaftlern finden sich sehr viele logisch-mathematisch Hochbegabte. Und alle, die bildend künstlerisch tätig sind – Maler, Bildhauer, Architekten, … – besitzen definitiv auch ein sehr gutes räumlich-logisches Vorstellungsvermögen, das ebenfalls von klassischen Intelligenztests gemessen wird. Sozial Kreative, die beispielsweise in beratenden oder führenden Berufsfeldern tätig sind, verfügen in der Regel über sehr breit gefächerte Begabungen, die ihnen dabei helfen, sich in die unterschiedlichsten Menschen, Situationen und Möglichkeiten hineinzuversetzen. Die Schreiberlinge – Dichter, Romanicers, Kinder- und Sachbuchautoren, Pubilizisten, Lehrende, … – sind in der Regel ebenfalls viel- und natürlich sprachlich hochbegabt.

Eine kreative Leistung wird dabei umso genialer sein, je besser der bewusste Intellekt und die auf Erfahrungs-, Instinkt- und Sinneswissen beruhende Intuition zusammenarbeiten.

Kreativität, die häufig auch als Berufung oder innere Notwendigkeit wahrgenommen wird, kann aber auch dazu führen, dass mensch sich sozial unterlegen, nicht erfolgreich oder gar als Versager fühlt – eben weil nicht die sozial erwünschten Leistungen und damit Erfolge erbracht werden. Hier kann es nicht schaden, seine Selbsterkenntnis und damit auch sein Selbstwertgefühl durch das Erkennen und Sichtbarmachen der eigenen ‚klassischen‘ Intelligenz, häufig sogar Hochbegabung, zu stärken.