Psychosozial gesehen nehmen Stellvertreter eine mit Ambiguitäten versehene Rolle ein.

Einerseits kennen wir alle das Sündenbock-Phänomen, zurückgehend auf das biblische Ritual für den Versöhnungstag (3. Buch Mose Kapitel 16), an dem alle Sünden des Volkes auf eine hierfür ausgeloste Ziege durch Handauflegen übertragen und diese Ziege vertrieben und in die Wüste geschickt wird. Durch dieses Ritual, das wahrscheinlich noch ältere kulturelle Wurzeln hat, sollen alle Sünden des Volkes einmal jährlich getilgt werden. In diesem Sinne handelt es sich um ein kollektives Buß- und Vergebungsritual, letztendlich also um eine kollektiv therapeutische Maßnahme.

Kollektive Phänomene, in denen eine Mehrheit eine Minderheit (zu Unrecht) die Schuld an bestimmten kollektiven Missständen gibt – wie beispielsweise im Nationalsozialismus -, sind als Ausdruck eines kollektiven Sündenbock-Phänomens gedeutet worden. Zu Ende gedacht führt diese Interpretation jedoch dahin, solche Ereignisse wie die Shoah (bei aller Verurteilung und Trauer) als eine Art fehlgeleiteten kollektiven Therapieversuch zu verstehen.

Tatsächlich lässt sich beobachten, dass soziale Kollektive (also alle mehr oder weniger stabilen Gruppen von Menschen, die einer gewissen eigenen Logik folgen) Versuche unternehmen, sich selbst kollektiv zu therapieren, in dem Missstände im Kollektiv psychologisch verarbeitet werden. Auch die Erinnerungskultur der Deutschen nach dem Holocaust ist ein Beispiel hierfür. Hier ist der Sündenbock häufig symbolhaft gewählt. So wurden deutsche Staatssymbole (Flagge, Hymne, etc.) aus dem positiven öffentlichen Leben verdrängt (bis zur in Deutschland ausgetragenen Fußball-WM 2006).

Hexenverfolgungen und die Ereignisse in und nach der französischen Revolution, die begann, ihre eigenen Kinder zu fressen, sind ebenfalls kollektive Versuche, Angst, Unsicherheit, Unwissenheit und Schuld kollektiv zu verarbeiten, indem einer klar zu identifizierenden Gruppe die kollektiven Sünden und Zweifel auferlegt und deren Mitglieder aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden (im drastischsten Falle durch Exekution).

In der individual-psychologischen Therapie werden Stellvertreter häufig zielgerichtet eingesetzt, um bestimmte Prägungen aus dem Leben des Patienten smybolhaft darzustellen und zu einem versöhnlicheren Abschluss zu bringen, als dies dem Patienten in seinem Alltag bisher möglich war. Das kann sein, indem Briefe an Bezugspersonen verfasst werden, in denen der Patient sich mit der gemeinsamen Vergangenheit auseinandersetzt, häufig im Sinne eines Vergebungsrituals; das kann eine Aufstellung des Familiensystems sein, durch die Szenen dargestellt werden, die exemplarisch für bestimmte Verhaltensmuster sind, mit dem Ziel, eine Veränderung des Stellvertreter-Systems herbeizuführen, die dem Patienten Hinweise für Veränderungen in seinem Alltag geben kann; es kann sich um eine Hypnose-Sitzung handeln, in der in Trance eine Situation erlebt wird, die Symbol für häufig erlebte Ereignisse ist und auf die mit zusätzlicher Lebenserfahrung und Abstand zurückgeblickt und Lösungsstrategien für damit verbundene negative Gefühle entwickelt werden (mehr zur Hypnose hier). Und auch durchs tägliche Träumen verarbeitet unser Gehirn Erlebtes.

Daran sehen wir, dass der kollektiv psychologisch Ansatz gar nicht so dumm ist, wie er auf den ersten Blick erscheint, da in der individuellen Therapie häufig mit gutem Erfolg durchgeführt wird, was im Kollektiv nicht nur misslingt, sondern bereits viele Unschuldige geopfert hat. Der Unterschied ist evident: Wähend sich in der individuellen Therapie ein gut ausgebildeter Therapeut, der aus professionellem Interesse, d.h. ohne eigene emotionale Verstrickung, handelt, in 1 zu 1-Betreuung seinem Patienten widmen kann, werden kollektive Phänomene der beschriebenen Art ohne System von einzelnen charismatischen Personen ohne Interessengleichheit vorangetrieben, die selber häufig psychisch schwer krank sind. Anders sicherlich im Falle des biblischen Rituals, in dem ein (hierfür ausgebildeter, transparent und professionell handelndender) Priester die Versöhnungszeremonie leitet und sich die Handlung im Symbolhaften erschöpft (d.h., „nur“ die Ziege und nicht etwa eine soziale Minderheit trifft).

Wir sehen den therapeutischen Ansatz von Stellvertretertum erfolgreicher verwirklicht durch die Kunst: Ob Schauspiel, Oper, Gemälde oder Film – die kathartische Wirkung der Darstellung menschlicher Begebenheiten anhand fiktiver Personen und Geschichten ist seit Jahrtausenden kulturell bekannt.

Besonders beliebt im Kino sind deshalb immer wieder Darstellungen des American Dream bzw. des Aschenputtel-Märchens (die männliche bzw. weibliche Variante des kometenhaften sozialen Aufstiegs) sowie des Kampf Gut gegen Böse, in dem das Gute triumphiert (paradigmatisch die Star Wars-Saga, die sich seit vier Jahrzehnten größter Popularität erfreut). Aber auch Gewalt-, Sex- und andere als sozial inkompatibel wahrgenommene Phantasien können durch Konsum einer Stellvertreterdarstellung positiv verarbeitet werden.

Bei den Autoren, Produzenten, Regisseuren und Darstellern handelt es sich sicherlich häufig um kreativ Hoch- und Vielbegabte, die mit ihren Werken kollektiv positive Botschaften verbreiten wollen. Nur: Warum ist das Ganze dann ein so übertrieben kommerzielles Business? Warum zahlen wir für einen Film doppelt und dreifach – Kino-Eintritt, Grundgebühr für Datenbanken und neuerdings auch das private Fernsehen sowie versteckt, aber sicherlich kommerziell am Wichtigsten, den durch die omnipräsente Werbung gesteuerten Konsum?

Warum machen wir nicht selber mehr Kunst? Schließen uns einer Schauspiel-Gruppe an, legen uns Zeichen-, Mal- und Bastelutensilien zu, fangen an zu schreiben, schnitzen etwas aus einem alten Baumstamm, treten einem Chor bei, fotografieren, filmen … – und wie viel effektiver das Selbstmachen ist als das Konsumieren!

Deshalb schließt mein Artikel mit einem kleinen Appell: Lebe deine künstlerische Seite aus. Seit gut zu dir selbst, heile dich, – habe keine zweifelhafte kollektive Therapie nötig. Sei du selbst. Pflege deine Träume.

– Alles Liebe, Antje