Gerade als hochbegabte Person kann es dir passieren, dass du dich sehr umfangreich selbst reflektierst und auch gut erkennst, woher deine Probleme rühren, vielleicht sogar weißt, was abhelfen könnte, es aber trotzdem nicht umsetzen kannst.

Das beste Beispiel hierfür ist die Erkenntnis mangelnder Selbstliebe. Wenn dir immer stärker bewusst geworden ist, dass du dich häufig emotional, finanziell oder deine Arbeit ausnutzen lässt, dass du dich selbst für deine Besonderheiten bestrafen möchtest, dass du dich versteckst und auf Kosten deiner Selbstwirksamkeit versuchst, dich an vermeintliche Erwartungen anderer anzupassen, dann kann es gut sein, dass du bei dir einen Mangel an Selbstliebe feststellst.

Wichtig ist, dass du dir in diesem Moment ausreichend Zeit und Raum zum Trauern nimmst. Es wird dir in der Regel auch nicht gelingen, diese Lücke in deinem Leben von heute auf morgen zu stopfen. Leider gilt nicht immer: Problem erkannt, Problem gelöst. In den meisten Fällen aber gilt: Problem erkannt, Problem fängt an, sich zu lösen.

Geht es um etwas so Fundamentales wie die Selbstliebe, kann der Lösungsprozess lange dauern. Da stellt sich Hochbegabter doch die Frage, wie mensch diesen Prozess unterstützen kann …

Ich persönlich liebe ja seit meiner Kindheit das Bild des Baron Münchhausen, der sich selbst (und sein Pferd) an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht. Ich habe diese Geschichte nie als lächerliche Lügenmär, sondern als genialen Trotz der (scheinbar unüberwindlichen?) Realität gegenüber aufgefasst.

Auf diese Art und Weise kannst du das Wachsen deiner Selbstliebe begleiten:

Nimm ein Blatt Papier. Frage dich einmal, für welche Eigenschaften und Tätigkeiten du derzeit Anerkennung, Wertschätzung, Liebe erfährst. Schreibe alles auf.

Nimm ein zweites Blatt Papier. Frage dich weiter, auf welche Eigenschaften und Tätigkeiten du selbst wirklich stolz bist, die dir leicht von der Hand gehen, die du für wichtig hältst und für die du positives feedback erwartest. Schreib auch hier alles auf. Beschreibe ganz genau, wie du dich fühlst, wenn du selbst von dir positiv überrascht bist, und was zu diesem Momnt geführt hat.

Vergleiche die beiden Dokumente und frage dich sehr ehrlich: Mache ich momentan das, wovon ich denke, dass es mir am meisten liegt? Oder mache ich vieles nur, weil ich denke, dass es von mir erwartet wird? Wie mache ich Dinge? Für andere oder für mich? Wissen andere das überhaupt zu schätzen? Ist das, was ich als Anerkennung, Wertschätzung, Liebe von anderen wahrnehme, genau das, was ich mir wünsche und was ich brauche? Wie wäre es, wenn ich mehr von dem tue, was ich für wichtig halte, auf das ich stolz bin? Wie wäre es, wenn ich genau das mit einer größeren Selbstverständlichkeit tun würde, ohne Rechtfertigung, Entschuldigung, ohne es irgendwo einzuschmuggeln, sondern klar und offen?

Bei Hochbegabten geht es ja viel darum, ihr Wissen, ihre Erkenntnisse, ihre Lösungen, ihr Durchschauen von Dingen zu kommunizieren, wobei auf einer Skala von „Totalverstecken, auch vor sich selbst“ und „direkt und unterschiedslos in jeder Situation“ ja alles dabei sein kann. Häufig wurde in Kindheit und Jugend gelernt, solche – ich nenne sie mal: richtige – Aussagen nicht oder auf indirekte Weise zu machen. Indirekt, um nicht für arrogant, besserwisserisch, etc. gehalten zu werden. Je nach Strategie kann aber auch die indirekte Kommunikation zu einer „Rechthaberei“ führen. Dabei befinden wir uns immer auf einem schmalen Grad zwischen empathischem Abholen des Gegenübers und rechthaberischem Imstichlassen. Der Unterschied besteht darin, ob wir unsere Erkenntnisse tatsächlich mit anderen teilen oder sie am Ende doch lieber für uns behalten wollen. Das Behaltenwollen kann sehr legitime Gründe haben: Wir wollen die Erkenntnisse oder uns selbst schützen. Oder wir haben Angst, dass uns das einzige genommen wird, über das wir uns definieren können.

Genau das ist der Fall, wenn uns Selbstliebe für uns als Mensch fehlt: Wenn sich Hochbegabung auch nur einigermaßen im sozialen Umfeld „behaupten“ und sich in sozial anerkannten Leistungen bzw. Erfolgen niederschlagen konnte, dann kann es sein, dass wir hierfür die meiste Wertschätzung, Anerkennung, Liebe erfahren haben. Und das wir diesen Schatz deshalb behüten wollen. Und damit nicht auf authentische Weise herausrücken. Es könnte ja sein, dass es dann nichts anderes gibt, was andere an uns lieben.

Dagegen sprechen zwei Gründe:

Kommunizieren wir unsere Erkenntnisse auf authentische und empathische (und die Empathie wächst mit der Selbstliebe) Weise, dann kommen nicht nur die Erkenntnisse beim Gegenüber an (durch die Empathie), sondern auch wir selbst (durch die Authentizität). Wenn es am Anfang ein bisschen zwischen Empathie und Authentizität holpert, keine Bange: Es ist ein Prozess.

Kommunizieren wir unsere Erkenntnisse authentischer und direkter, bleibt mehr Raum und Zeit, dich auch als Person zu zeigen. Und du als Person bist liebenswert!

Dass du als Person liebenswert bist, beweist dir dein zweites Dokument: Dort hast du aufgeschrieben, worauf DU stolz bist, was für DICH wichtig ist, was DIR Freude macht. Da draußen gibt es ganz sicher Menschen, die ähnliche Dinge als wichtig und glückbringend empfinden. Es kann sein, dass es nicht diejenigen sind, die dich bislang umgeben. Aber je sichtbarer du als du selbst wirst, desto mehr Menschen werden dich als du selbst lieben. Auch solche, die du bislang gar nicht ‚auf dem Schirm hattest‘.

Und mit ein bisschen Fremdliebe ist auch die Selbstliebe gleich viel einfacher … Beide Prozesse, sich als sich selbst zeigen und mehr als du selbst geliebt werden sowie sich selbst mehr zu lieben, unterstützen einander …

Daneben gibt es unterstützende, auf der emotionalen Ebene wirkende Selbstliebeübungen, wie deinem Spiegelbild täglich einige Minuten (!) zu sagen, wie sehr du dich liebst oder dir Liebesbriefe von dir nahe stehenden Personen schreiben lassen.

Liebevolle Grüße, Antje