Wann fühlst du dich als Opfer?

Ich glaube, dass diese Frage brandaktuell ist und jeder sie einmal ganz in Ruhe für sich durchdenken sollte. Den politischen Themen, die uns im Moment bewegen, liegt im Kern ein Opfer-Konflikt zu Grunde: „Besorgte Bürger“ (wer auch immer das genau ist, aber ich fürchte, dass es inzwischen die Mitte der Gesellschaft ist) fühlen sich als Opfer einer Politik, die „auf unkontrollierte Weise“ „zu viele“ Flüchtende auf das Territorium der Bundesrepublik „gelassen“ hat, Donald Trump hat seine Wähler durch eine brilliante Opfer-Rhethorik („der vergessene arbeitsame, „normale“ (= weiße) Amerikaner soll wieder auferstehen“) gewonnen, die Briten, die für den Brexit stimmten, fühlen sich als Opfer einer übermächtigen (ohnmächtigen?) EU-Bürokratie, Deutsche mit Migrationshintergrund und Ausländer in Deutschland fühlen sich diskriminiert, Frauen fühlen sich als Opfer sexueller Übergriffe, was zu einem (sinnfrei) verschärften Sexualstrafrecht und massiven polizeilichen Grundrechtseingriffen in der fast zum geflügelten Wort gewordenen „Silvesternacht in Köln“ führt, „alle“ (wirklich alle?) fühlen sich als Opfer eines radikalen islamistischen Terrorismus, die Flüchtenden fühlen sich als Opfer  von Krieg, Terror, nicht mehr klar erkennbaren Fronten, Isolation, wirtschaftlicher Verzweiflung.

Warum schreibe ich oben Opfer-Konflikt und nicht Täter-Opfer-Konflikt? Kein Tippfehler, sondern eine provokante (wenn auch keine sehr originelle) These: Ohne Opfer kann es auch keinen Täter geben. Im Grunde ist es ja das alte Henne-Ei-Problem, aber ich denke, in unserem lässt sich eine zeitlich geordnete Kausalität (Zeitreisen jetzt mal ausgenommen) herstellen. Im Kern geht es darum, ob die Vorbereitung, der Versuch und der Beginn eines Eingriffs in meine Rechte mich bereits zum Opfer und den anderen zum Täter machen. Als Volljuristin, die im Strafrecht promoviert hat, ziehe ich die strafrechtlich relevante Grenze – je nach Schwere des Tatbestands – beim Beginn des Versuchs oder bei der Bewirkung einer Rechtsgutsverletzung. Wenn ich nun die aktuellen politischen Debatten sehe, dann liegt ihnen häufig der Ruf (von wem auch immer) zu Grunde, das Label „Täter“ schon in einem früheren Stadium als dem Versuch, nämlich bei weit im Vorfeld angesiedelten Handlungen (oder vielleicht sogar eher: Zuständen) zu vergeben, womit ein diffuses allgemeines Opfergefühl korreliert. Hierzu könnte man viel Schlaues sagen über die Verhältnismäßigkeit von Gefahrenabwehr, einen sinnvollen Ausgleich von Freiheit und Sicherheit, usw. Leider habe ich in letzter Zeit die Erfahrung gemacht, dass solche abwägenden, naturgemäß nicht völlig simplen Ausführungen gar nicht mehr gehört werden.

Warum? Weil die Adressaten der Botschaft schon vollständig in ihrem Opfergefühl angekommen sind. Und das ist in erster Linie ein psychologisches, und erst in zweiter (warum sind so viele Menschen psychisch nicht in sich gefestigt?) ein politisches Problem.

Wo beginnt nun psychologisch die Opferrolle? Bei einem psychsich gefestigten, in sich ruhenden Menschen beginnt dies meiner Ansicht nach erst dann, wenn ich mich gegen einen Eingriff in meine Rechte mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln nicht (mehr) wehren kann. Diese psychische Festigung setzt voraus, dass ich erkenne, wann, wo und wie ich Widerstand leisten kann und dass ich dies auch tue. Das ist leider vielen Menschen abhanden gekommen: Sie fühlen sich angesichts immer komplexer werdender sozialer, wirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge, von denen wenige profitieren und viele negativ betroffen sind, ohnmächtig. So ohnmächtig, dass sie nicht mehr in der Lage sind, gesunden Widerstand gegen Eingriffe in ihre Rechte zu leisten.

Die übermäßige Individualisierung, die vermeintliche Leistungsbezogenheit des Kapitalismus und der Globalisierung, verbunden mit verschleiernder politischer Rhethorik und einer sowohl auf Deutschland als auch auf Europa bezogenen sowie insgesamt weltweit zu beobachtenden immer weiter auseinander driftenden Schere zwischen Gewinnern und Verlierern materieller Güter und sozialer Anerkennung führen zu einer Verkümmerung und vor allem Fehlleitung gesunder Abwehrinstinkte.

Was passiert, wenn ich die Fähigkeit, gesunden Widerstand zu leisten, verliere? Richtig, ich fühle mich auf diffuse Weise ständig als Opfer. Und weise naturgemäß anderen – in der fehlgeleiteten Logik des verkümmerten Selbstbewusstseins – die Täterrolle zu. Da schon keine sichtbare Kausalität zur Opferrolle besteht, wird der „Täterkreis“ logisch folgerichtig immer größer: die Politiker, die Ausländer, die Flüchtlinge, die Terroristen, „sind schuld“.

Was passiert, wenn ich Widerstand leiste? Ich fühle mich selbstwirksam (übrigens wichtiges Ziel im Coaching: die Selbstwirksamkeit stärken). Wenn ich mich als selbstwirksam erlebe, kann ich mich nicht als Opfer fühlen (sogar, wenn ich strafrechtlich gesehen vielleicht sogar schon eines bin: Jemand bedroht mich mit einem Messer, um mich auszurauben, ich aber wehre mich mit einem Karate-Trick – der Angreifer hat sich bereits strafbar gemacht, aber ich fühle mich psychologisch nicht als Opfer). Ich bin mächtig: Ich halte den anderen davon ab, zum Täter zu werden! Ein großartiges Gefühl. Ein großartiges Gefühl, sich erfolgreich gegen einen Eingriff in die eigenen Rchte gewehrt zu haben. Ein Erfolg nicht nur für mich, sondern auch ein altruistischer Erfolg: Ich habe eine Tat verhindert, ich habe den Gegner (denn das ist der andere im Moment des Widerstands) davor bewahrt, zum Täter zu werden. Ich habe für Gerechtigkeit gesorgt.

Das bedeutet aber auch, dass ich mich erst (aber natürlich dann!) als Opfer fühle, wenn ich mich gegen einen Eingriff in meine Rechte nicht (mehr) wehren kann. Widerstand zu leisten kann man auf die vielfältigste Art und Weise lernen: Kampfsport, politisches Engagement, soziales Engagement, Stärkung des Selbstbewusstseins, sich mit anderen über seine Sorgen austauschen, Schwächere beschützen, …

Ich wünschte, dass politisch dieses Opferverständnis zu Grund gelegt würde. Ich wünschte, dass mehr Menschen sich ihrer Widerstandsfähigkeit, ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Selbstwirksamkeit widmen würden. Und das dann auch tatsächlich Widerstand geleistet würde. Im Kleinen: Im Nein-Sagen, im Sich-nicht-ausbeuten-lassen, im Missstände-anprangern, im Sich-Beschweren, Sich-Hilfe-holen. Und dann auch im Größeren.

Ich möchte heute mein Motto hierzu mit euch teilen:

Ich leiste Widerstand. Ich wehre mich dagegen, zum Opfer zu werden. Ich mache den Gegner nicht zum Täter. Indem ich mich gegen Übergriffe wehre, bleibe ich selbstwirksam. Ich verhindere, dass ich zum Opfer werde, indem ich den Gegner nicht zum Täter werden lasse.