Kann Hochbegabung auch destruktiv sein?


Diese Frage wird mir häufig gestellt: Kann Hochbegabung auch destruktiv sein? Die Antwort ist ganz klar: Nein.

Die einfache Erklärung lautet: Intelligenz, und damit auch Hochintelligenz (also Hochbegabung) ist immer nur Mittel zum Zweck. Logik ist wertneutral.

Oder auch eine andere Variante: Der Verstand ist eine Hure, die sich mit jedem (guten und schlechten Gedanken, Zielen, Werten) ins Bett legt.

Darüber hinaus liegen die Dinge natürlich etwas komplexer. Von „Betroffenen“ wird Hochbegabung manchmal als destruktiv empfunden, weil sie ihr ihre sozialen Probleme zuschreiben. Jedoch ist in diesen Fällen nicht die Hochbegabung das Problem, sondern entweder dass die Person aufgrund mangelnden Verständnisses des Umfelds für typisch hochbegabte Verhaltensweisen ein negatives Selbstbild entwickelt hat und/oder dass die Person sich über sich selbst (und damit ihre Wirkung) im Unklaren ist und sich dadurch ein für sie unpassendes Umfeld sucht und/oder sich unpassend verhält.

Hochbegabung kann aber auch deshalb als destruktiv empfunden werden, weil Hochbegabte sich das Leben vielleicht schwerer machen als ihr normalbegabtes Umfeld, weil sie durch Grübeln, Gerechtsigkeitserwägungen und das Sichtbarmachen von Problemen andere überfordern, Smalltalk und oberflächliche Vergnügungen meiden oder auch durch ihre Ernsthaftigkeit „stören“, weil sie andere auf Fehler aufmerksam machen und zu perfektionistischen Höchstleistungen antreiben wollen, arrogant wirken, ungeduldig sind.

Hier ist aber nicht die Hochbegabung destruktiv, sondern es stimmt ganz einfach die Passung nicht. Die Passung hochbegabtes Individuum/Welt wird immer eine schwierige sein und bleiben. Die Passung zum privaten und beruflichen Umfeld kann jedes hochbegabte Individuum dagegen selbst wählen. Es besteht kein Grund, einem Freundeskreis anzugehören, der gerne ein Bier trinken und Party machen geht, während mensch selbst lieber philosophische oder politische Diskussion führen möchte. Und jeder Hochbegabte muss lernen, seine Erwartungen an andere reflektiert zu regulieren: Nicht jeder ist zu den gleichen intellektuellen Leistungen fähig, auch nicht unbedingt gleichrangige oder sogar erfahrenere Kollegen mit gleichem oder anspruchsvollerem Aufagbengebiet. Diese Regulierung kann natürlich nur gelingen, wenn sich Hochbegabter selbst gut genug kennt und regelmäßig reflektiert.

Ganz unabhängig davon glaube ich aber sogar, dass Logik und damit ein wesentlicher Bestandteil von Hochintelligenz nicht nur wertneutral ist, sondern, losgelöst von vorgegebenen Interessen, auch in der Lage ist, soziale Herausforderungen positiv zu lösen. Denn im Sinne einer rational choice Theorie oder auch des kategorischen Imperativs sind positive soziale Lösungen solche, denen sich ein Individuum deshalb (ohne zu wissen, was das für es selbst bedeutet) unterwerfen würde, weil sie in einem Verfahren zustande gekommen sind, durch das eine paretooptimale Lösung sichergestellt wird. So würde beispielsweise bei der Begründung des Gesellschaftsvertrages angenommen, dass alle Betroffenen einer Lösung zustimmen, die für die Mehrheit positive Auswirkungen hat, wenn sie nicht wissen, in welcher Form sie selbst betroffen sind, wenn aber bei der Entscheidungsfindung alle Betroffenen gleichermaßen beteiligt werden.

Hochbegabung ist aber vielleicht ein kleines bisschen destruktiv, wenn es darum geht, was sie für die Erreichbarkeit bestimmter Ziele bedeutet. Sie ist, aus meiner Sicht, für kein Ziel ein Show stopper. Aber um bestimmte Erwartungshaltungen zu erfüllen muss Hochbegabter relativ gesehen mehr Energie aufwenden als ein „nur“ überdurchschnittlich Begabter. Da ich diese Erfahrung selbst auch immer wieder mache, kann ich mein kategorisches Nein vom Anfang ein wenig relativieren. Aber nur ein wenig.