In der Geschichte und der Literatur gibt es wunderbare Positiv-Beispiele für kreative Hoch- und Vielbegabte, die ihre Begabungen entspannt und befreit ausleben.

Nehmen wir mal Pippi Langstrumpf und Leonardo da Vinci: Wenn Buntheit Gesichter hat, dann diese beiden.

Je länger ich mich mit dem Phänomen der Vielbegabung – besonders in Kombination mit „klassischer“ Hochbegabung“ – auseinandersetze, umso mehr fällt mir ein Charakteristikum auf: Vielbegabte sind ganz eigentlich Katalysatoren. Sie sitzen wie die Spinne mitten im Netz und saugen Informationen an, geben sie weiter, wandeln sie um, verpacken und verschnüren sie, verdauen sie vor, … immer in Interaktion mit anderen. Sie sind Macher und Gestalter. Und wenn sie nichts zu machen und zu gestalten haben, werden sie sehr unglücklich. Sie saugen dann diese ganze Energie – Wissen, Ideen, Visionen – an, ohne sie produktiv loswerden zu können.

Dann kommt es zu einem furchtbaren Energieüberschuss, einer Art Energieablagerung, und zwar da, wo Austausch sein sollte. Das resultiert häufig in Müdigkeit, Erschöpfung, Übergewicht, fehlgelenktem Ehrgeiz, Suchtverhalten, übertriebenem und/oder lustlos-zwangsweisem Sammelverhalten. All das sind Symptome für steckengebliebene Energie. Die Vielbegabte ist sozusagen „verstopft“.

Wie lässt sich eine solche „Verstopfung“ vermeiden? Was machen Pippi Langstrumpf und Leonardo da Vinci anders?

Sie leben ihren Gestaltungsdrang aus. Sie animieren Menschen (und Tiere) zum Lachen, Leben, Kreativsein, sie bauen Flugmaschinen und malen Portraits: Sie gestalten ihre Umwelt.

Dabei sieht es häufig so aus, als seien Vielbegabte Einzelgänger – weil sie in der Regel mehreren verschiedenen sozialen Kreisen angehören und in jedem davon eine Sonderrolle einnehmen, häufig eine dominierende, moderierende und/oder unterhaltende. Dieser Eindruck täuscht: Enge Beziehungen und Freundschaften schließt der Vielbegabte am liebsten mit anderen Vielbegabten, die ihn in all seinen Facetten verstehen und schätzen. Und gleichzeitig muss er eben seine Katalysatorenrolle ausleben. Wenn nicht, bleibt die katalytische Energie in ihr selbst stecken – siehe oben. In schwierigen Fällen wird der Energieüberdruck so groß, dass er auf ein einzelnes (sozial erwünschtes bzw. vorgegebenes) Ziel abgeleitet wird. Ungesunder Ehrgeiz ist die Folge – ungesund deshalb, weil dem Vielbegabten an der Zielerreichung in tiefstem Herzen überhaupt nicht gelegen ist. Es handelt sich lediglich um das Ablassen von Dampf aus einem Ventil – und sieht biographisch häufig nach dem Lebenssinn aus.

Wie funktioniert nun aber das Katalysieren, das die Vielbegabten auszeichnet? Das Schöne ist, der Vielbegabte braucht dafür nichts zu „lernen“ oder zu „üben“ – es passiert einfach, wenn sie irgendwohin kommt – UND – er/sie selbst ist.

Damit wären wir mal wieder beim Thema ‚wie ich werde, wer ich bin‘ oder auch: der Authentizität. Das Schwierige hieran ist, dass das herkömmliche Authentizitäts-Verständnis – ich bleibe mir selbst treu und zeige mich genau so – für Vielbegabte nicht ausreicht bzw. zu oberflächlich ist. Denn sie bewegen sich ja in ihren verschiedenen Gruppen und Aufgabenfeldern und sind dabei – jedes Mal anders. Das sind sie ja schließlich: wandelbare kleine und große Chamäleons. Sie brauchen deshalb nicht immer sie selbst zu sein – es reicht, wenn sie sich in jeder Situation, die sie gestalten wollen, in ihrer Haut wohlfühlen. Auch Chamäleons zeigen je nach Umfeld eine andere Farbe 🙂

Dann fühlt sich das Chamäleon am wohlsten: Wenn es in jeder Situation so richtig aufgehen und aufblühen darf. Wenn für eine ausgewogene Abwechslung solcher Situationen gesorgt ist. Wenn es in der jeweiligen Farbe leuchten darf. Wenn die anderen an seiner Farbe erkennen, wie es ihnen geht oder was die Lösung für ihre Frage ist. Wenn daraufhin etwas passiert und eine Veränderung eingeleitet wird. Das kann innerhalb einer Forschungsgruppe für innovative Computertechnologien sein, das kann sein als Arzt, Therapeut, Menschenbegleiter, Vater, Mutter, Lehrer, Onkel, Oma, auf einer Bühne, in einer Küche, im Stall, beim Singen, im Board Room.

Wenn du dich also vom Phänomen ‚Vielbegabung‘ angezogen fühlen solltest, aber denkst, du findest dich in den Beschreibungen nicht wieder, weil du sehr diszipliniert und strebsam bist, dann frag dich mal, ob du vielleicht übertrieben viel Geld für ein Hobby ausgibst, ob du schon mal als z.B shopping-süchtig bezeichnet wurdest, ob deine Wohnung voller Sammelobjekte steht, ob du sehr hart für z.B. Prüfungen oder an deiner Karriere arbeitest, ob du auch mit Sport und gesunder Ernährung dein Wohlfühlgewicht nicht erreichst, ob es irgendwelche „Laster“ wie Rauchen gibt, von denen du dich gerne befreien würdest. Wenn es so etwas gibt, dann höre einmal auf einem Spaziergang in dich hinein, wie sich dieses Etwas für dich anfühlt – wie ein Pfropf oder eine Art Ballast? Der dir hilft, Verspannungen abzubauen, dich abzulenken und zu entspannen? Wie wäre es, wenn du hiergegen nicht mehr anzukämpfen bräuchtest, sondern dieses Etwas einfach seine Bedeutung für dich verlöre?

Das Schöne ist: Du brauchst nicht gegen das Verstopftsein und die zum Dampfablassen geschaffenen Vermeidungsstrategien anzukämpfen. Es reicht vollkommen, wenn du dich als Vielbegabter mit all deinen Facetten annimmst und chamäleonhaft durch die Welt bewegst.

Es gibt noch einen wichtigen Grund, warum diese Befreiung vielen Vielbegabten schwer fällt: Vielbegabte sind – ich möchte sagen: von Natur aus, d.h.: ihrer Natur entsprechend – androgyne Menschen. Warum? Nun, der Wille zur Gestaltung ist kulturell dominierend eine zutiefst dem Männlichen zugeschriebene Eigenschaft, während das Katalysieren – das ja ein Verschmelzen mit der Umwelt, ein Zerfließen ins Unendliche bedeutet – ein ur-weibliches Attribut darstellt. Beides zusammen sind äußerst auffällige Kerncharakteristika von Vielbegabten.

Das Zulassen von Androgynität könnte zwar heutzutage und je nachdem immer mal wieder als Modeerscheinung in einzelnen Lebensbereichen bezeichnet werden. Beispiele sind ein wachsender Markt für Körperpflege- bzw. Kosmetikprodukte für Männer und Änderungen in der Führungskultur. Zu solchen – ich nenne sie mal – Modeerscheinungen gibt es aber häufig auch den gegenläufigen Trend, z.B. den derzeitigen Barthype. Einen echten Paradigmenwechsel hin zu einer androgynen Kultur erkenne ich nicht. Aus diesem Grund fällt es Vielbegabten zusätzlich schwer, sich als sie selbst zu zeigen – ganz zu schweigen von all den anderen Konventionen, die sie mit ihrer Buntheit häufig zu durchbrechen drohen.

Für Verkörperungen des Spielens mit und liebevollem Missachten von Konventionen haben wir ja aber tolle Vorbilder – zum Beispiel Pippi Langstrumpf und Leonardo da Vinci … 🙂

Viel Spaß dabei wünscht dir von Herzen Antje