Welcher Hochbegabte kennt es nicht: Das Aneinanderrasseln mit Autoritätspersonen bzw. hierachisch höher Gestellten. Ich wünschte, ich könnte dafür jetzt ein Allheilmittel empfehlen, aber ich sag’s direkt zu Beginn: Das kann ich nicht.

Was ich aber versuchen möchte, ist, zu erklären, warum sich die meisten anderen Menschen nicht so an Autoritäten und Hierachien reiben wie wir Hochbegabte.

Der Klassiker schlechthin dafür ist sicherlich Diederich Heßling, der beflissene Papierfabrikant, Heinrich Manns idealer „Untertan“ im deutschen Kaiserreich. Er ist nicht unintelligent und sehr ehrgeizig. Um seine Ziele zu erreichen, wirft er alle Ideale über Bord, der geborene Opportunist. Er übt selbst gerne Macht aus und findet die höchste Befriedigung darin, sich einer Macht zu unterwerfen (das kann seine Ehefrau sein, der Kaiser, aber auch sein schlauer Maschinenmeister Napoleon Fischer).

Diederich Heßling ist vieles, aber er ist nicht typisch deutsch und auch nicht typisch für das damalige Kaiserreich. Meiner Ansicht nach ist er schlicht der herrschende menschliche Typus.

Dieser Typus versteckt sich in unseren Gesellschaften hinter der Maske des Leistungsprinzips. Gegen das Leistungsprinzip ist im Grunde nicht viel einzuwenden: Wer viele Kompetenzen und viel Engagement in die Gesellschaft einbringt, soll auch viel zurückbekommen – Verantwortung, Macht, Ressourcen.

Daraus folgt der kollektive Glaubenssatz, dass, wer in einer Autoritäts- oder Hierarchieposition angekommen ist, dies durch seine überlegenen Fähigkeiten auch verdient haben muss.

Dieser Glaubenssatz hat natürlich mit der Realität nichts zu tun. Ich kann an den Himmel auf Erden glauben, nämlich daran, dass dieser theoretisch das Beste für die Menschheit und praktisch auch möglich ist. Dann muss ich die Werte, die für mich „Himmel“ bedeuten, aber auch leben und realisieren. Genauso kann ich an das Leitungsprinzip glauben, nämlich daran, dass es theoretisch die bestmöglichen Ergebnisse für alle hervorbringt, und dass es auch realisierbar ist. Aber gerade das erfordert eine intelligente und konsequente Umsetzung.

An dieser mangelt es leider bei uns, schon allein, weil die Maßstäbe für „Leistung“ falsch definiert sind – hierzu zählen wir häufig „Durchsetzungsfähigkeit“ und meinen damit narzisstische Persönlichkeitszüge, usw. Wenn „Leistung“ richtig als „der Gesellschaft etwas geben“ definiert wird, dann ist klar, dass die Realisierung des Leistungsprinzips vor allem auch die Verhinderung eines „Rechts des Stärkeren“ sowie psychisch gesunde Mitspieler, und falls nicht alle Mitspieler psychisch gesund sind, einen Ausgleich dessen, erfordert. Außerdem muss bei klarem Verstand eingerechnet werden, dass sich das Leistungprinzip nicht zu Hundert Prozent umsetzen lässt und man seinen Glaubenssatz entsprechend entideologisieren muss. (Man denke nur daran: Die ersten Autoritätspersonen, die wir kennen lernen, sind Eltern. Gilt hier etwa da Leistungsprinzip?) Daraus folgt aber, dass selbst bei einer pareto optimalen Umsetzung des Leistungsprinzips immer noch Kritik an Autoritätspersonen möglich und sogar erwünscht sein muss.

Die Divergenz zwischen kindlichem Festhalten an dem Glauben an das Leistungsprinzip und der Realität, in der Personen in Autoritäts- und Hierarchiepositionen NICHT diejenigen sind, die der Gesellschaft durch ihre überlegenen Fähigkeiten und großes Engagement viel zurückgeben, ist ein gesellschaftliches Krankheitssymptom.

So, zurück zu uns Hochbegabten und wie wir damit umgehen können: Eine Krankheit kann man nicht durch Beseitigung des Symptoms heilen, aber immerhin kann man entweder das Symptom lindern oder aber durch Aufmerksammachen auf das Symptom Selbstheilungskräfte aktivieren. Was wir also machen können, ist, ein Bewusstsein für diese fatale Divergenz schaffen. Da dieser Prozess schmerzhaft ist – hier wird ja ein kindlicher Glaube durch Anerkennung einer destruktiven Realität zerstört – sollten wir hierbei behutsam vorgehen.

Gar nicht so einfach, oder? Und das ist gut so: So hast du als Hochbegabter eine neue Herausforderung gefunden. Und die brauchst du ja immer 🙂