Die Freiheit der Dinge


Wie viele dachte ich bisher, dass unser westliches, überhöhtes Konsumverhalten (unabhängig davon, ob man jetzt mit oder ohne Plastiktüten einkauft) den Versuch darstellt, eine gewisse innere Leere zu füllen. Und dass die beste „Therapie“ hiergegen ein erfülltes Leben sei.

Kürzlich habe ich inne gehalten, weil mir der Gedanke kam, dass diese Erklärung zu einfach sei. Zu einfach? Das Ganze ist so schon kompliziert genug.

Aber ja, zu einfach: Ich fühle mich leer, ich kaufe mir Dinge, um hiervon abzulenken, Ersatzdinge – ein schnelles Auto, weil mir die Partnerin zum gemütlich Zeit verbringen fehlt; ein teures Handy, weil mir die Freunde zum echten tiefen Reden abgehen.

Leider ist es, so denke ich inzwischen, noch viel schlimmer: Unser Konsum kompensiert nicht innere Leere, sondern ist ein Hilfeschrei nach Freiheit.

Warum kaufe ich etwas? Worauf schaue ich, welche Werbestrategien beeinflussen mich? Welches Fahrrad, welches TouchPad wähle ich? Das mit den meisten Möglichkeiten.

Dinge stehen bei uns für Möglichkeiten: Sie helfen uns, unseren Aktionsradius zu erweitern. Mit meinem neuen Pad kann ich surfen, diktieren, es spricht mit mir, fotografiert, filmt, archiviert, synchronisiert Smartphone, PC und Laptop, steuert mein Radio und den Kühlschrank.

Was bedeutet diese Sehnsucht nach möglichst vielen Optionen, Funktionen, Möglichkeiten? Sie illustriert unser unbefriedigtes Grundbedürfnis nach Freiheit.

Unser engmaschiges soziales Geflecht, die vielen verschiedenen Verhaltensmaßregeln – Benimm, Konventionen, Karriereschritte, Kundengewinnungsstrategien, Bestandsbewahrungsmaßnahmen, … – lösen – auch nur unbewusst – den Wunsch aus, ihnen etwas entgegen zu setzen, etwas, das scheinbar ebenso sophisticated ist, dass allen diesen Anforderungen das Wasser reichen kann – und uns doch einfach nur das Leben einfacher machen soll. Uns Lebensqualität zurückgeben.

Und das tun diese Dinge auch. Zu einem ganz kleinen Teil. Sie sind nämlich nicht so flexibel, wie sie zu sein vorgeben. Sie sind einfach nur. Dinge. Schöne, gut designte Dinge.

Was aber ist Freiheit und wie erfüllen wir unter den bei uns gegebenen sozialen Umständen unser Bedürfnis nach Freiheit – gerade als Hoch- und Vielbegabte, bei denen Freiheit und Unabhängigkeit hohe Priorität genießen?

Freiheit kann, glaube ich, subjektiv nur bedeuten, das Gefühl zu haben, jederzeit seine eigenen Potentiale zu realisieren. Sei es das Entdecker-Potential, auf Weltreise gehen zu wollen, sei es das Potential, beruflich erfolgreich zu sein, sei es das Potential, sich von gesellschaftlichen Vorgaben frei zu machen und seinen vollständig eigenen Weg zu gehen.

Gibt es dazu einen Königsweg? Ist es der Minimalismus – ich verkaufe und verschenke Hab und Gut und mache mich im Schlafmobil auf den Weg? Für einige vielleicht, sicher nicht für alle. Freiheit ist individuell, wie jede andere Bedürfniserfüllung auch (Liebe und guter Sex zum beispiel fühlen sich auch für jeden anders an).

Was bedeutet Freiheit für dich? Spontan zu einem interessanten Angebot ja sagen zu können, auch wenn es nicht in deinen Ursprungsplan passt? Deinen Lebenstraum zu realisieren? Keine Versprechen einzugehen, die du nicht mit Freude einlösen kannst? Ohne Wecker nach deiner inneren Uhr aufzustehen – jeden Tag? Zu wissen, was genau in der Nahrung steckt, die du zu dir nimmst? Weniger Geld zu verdienen, um mehr Zeit mit deiner Familie oder beim Sport verbringen zu können? Mehr Geld zu verdienen, um für eine Reise zu sparen?

Was auch immer Freiheit für dich bedeutet, schreibe es für dich auf und lasse dich davon leiten – ganz besonders beim Geld ausgeben. Frage dich bei einer Kaufentscheidung: Zahlt das Produkt auf mein persönlich verstandenes, individuell beschriebenes Bedürfnis nach Freiheit ein? Oder gibt es etwas, das noch viel mehr dazu beitragen könnte – und vielleicht sogar gar nichts „kostet“?