Was bedeutet Verantwortung für dich?

Verantwortung

Manchmal erscheint Verantwortung wie eine Last, wie eine Einengung, Beschränkung von Freiheit. Wenn wir jemandem versprochen haben, für ihn da zu sein, in guten wie in schlechten Zeiten – einem Partner, einem Kind, einem gebrechlichen Verwandten. Einem Fremden, der alles verloren hat, Heimat, Familie, Besitz, die Fähigkeit sich mit seiner Umgebung zu verständigen und dadurch für sich zu sorgen.

Und doch, das ist gar nicht die Art von Verantwortung, die uns belastet. Die fürsorgliche Verantwortung, die wir aus unserer Menschlichkeit heraus für einen anderen erklärt haben, ist eine süße Last, die das Leben erst lebenswert macht. Und die Essenz jeder Weltreligion, jeder Spiritualität, jeder humanistischen Philosophie. Und, nebenbei, eine Erkenntnis der größten Naturwissenschaftler der Menschheit.

Welche Verantwortung ist es dann aber, die uns tatsächlich niederdrückt? Aus meiner Sicht ist es diejenige Verantwortung, die wir abgeben, ohne es zu wollen, ohne zu verstehen, was passiert. Die Verantwortung für unsere schlechte Stimmung, die wir auf das Verhalten anderer schieben, ohne zu verstehen, was gerade in uns selbst vorgeht – die Gefühle, die den wahren Grund unserer miesen Laune bilden. Die Verantwortung für einen Konflikt, die wir einem Rechtsanwalt übertragen, der eine juristisch korrekte Lösung findet und herbeiführt – aber nicht immer eine menschlich passende. Die Verantwortung für Krankheitssymptome, die wir einem Arzt übertragen, der eine Standard-Behandlung durchführt – ohne, dass wir unseren Körper, einen immerhin einzigartigen hoch entwickelten Organismus, danach befragt haben, warum es ihm schlecht geht und was genau er braucht. Die Verantwortung für unsere Gesellschaft, die wir Politikern überlassen, denen wir ihrem Charakter nach unmittelbar weder unsere Kinder noch unsere Altersvorosrge zur Betreuung überlassen würden.

In unserer hochspezialisierten, arbeitsteiligen, informationsbasierten, post-industrialisierten, durch Repräsentation geprägten Gesellschaft ist es nicht leicht, sich Verantwortung zurückzuerobern. Ja, es ist ein Kampf – und er wird nicht vollständig gewonnen werden. (Der Rückzug des Eremiten ist eine Alternative, aber kein Sieg.) Denn auf den ersten Blick scheint es ja so leicht und vernünftig, Verantwortung abzugeben. Für alles und jeden gibt es den „richtigen“ Experten. Du selbst hast gar keine Zeit, dich um alles zu kümmern, was dein Leben betrifft.

Halt. Hast du das wirklich nicht? Hast du geprüft, welche Dinge du gerne aus der Hand gibst – die Steuererklärung zum Beispiel – und in welchen du nur eine Beratung wünschst – zum Beispiel zu gesunder Lebensweise und sämtlichen Heilbehandlungsmöglichkeiten? Prüfe für dich: Welche Bereiche meines Lebens will ich vollständig in meiner Verantwortung behalten? Mit allen Konsequenzen: Frei von Konventionen, frei von Ratschlägen, frei von Rechtfertigung. In welchen Bereichen meines Lebens hole ich mir Rat ein? Hole ich mir jeglichen verfügbaren Rat oder nur selektiv, so dass hierdurch bereits eine Richtungsentscheidung getroffen wird? Wie bewerte ich diesen Rat und wie bewahre ich mir die Hoheit über meine Handlungen und Entscheidungen? In welchen Bereichen gebe ich gerne Verantwortung ab und vertraue voll auf andere? Wie wähle ich diese anderen aus? Wenn ich Verantwortung abgegeben habe, lasse ich dann auch vollständig los, damit ich wirklich entlastet bin?

– Eine frohe, verantwortungsreiche Zeit wünscht dir Antje