Heute wage ich mich an ein sensibles Thema – hochbegabte Mütter und ihre Töchter. Und zwar, weil mir etwas Wichtiges aufgefallen ist.

Mütter und Töchter

Die hochbegabte Muttergeneration, über die ich schreibe, gehört zu den späten Babyboomern oder der frühen Generation Golf, ist also etwa zwischen 45 und 55 Jahre alt. Ihre Tochtergeneration ist zwischen 25 und 35 Jahre und gehört eindeutig zur Generation „Y“ bzw. „Why?“.

Als die Muttergeneration Kind war, war Hochbegabung noch ein vernachlässigtes, ja teilweise ein Tabu-Thema, noch dazu Hochbegabung bei Mädchen. Mädchen, die gut rechnen können? Mädchen, die sich für Experimente interessieren und dafür, was die Welt im Innersten zusammen hält? Ein Graus oder jedenfalls keine besonders förderungswürdige Eigenschaft. Das Frauenbild, das ihnen ihre Mütter in den 60er und 70er Jahren vorlebten, entsprach noch weitgehend der auf diese beiden Rollen beschränkten Hausfrau und Mutter. (Die sexuelle Revolution hatte noch nicht großflächig zur beruflichen Emanzipation geführt.) Doch diese Töchter-Mütter hatten die Chance, eine Ausbildung zu machen, zu studieren. Ihrem Beruf trotz Kindern nachzugehen. Immer mit enorm hohem Energieaufwand, hohen Rechtfertigungskosten. Und (von seltenen Ausnahmen abgesehen) ohne Wahrnehmung, Förderung, Ausleben ihrer Hochbegabung. Doch etwas schwelt verborgen in dieser Muttergeneration.

Vielleicht fördert sie deshalb die Töchter so sehr? Musikschule, Balletunterricht, Mathe-Olympiade. Bestärkt sie, dass sie alle Ziele erreichen, immer die Besten sein können. Die Tochtergeneration nimmt alles mit: Preise, Stipendien, Auszeichnungen. Sie lebt einige der unterdrückten Sehnsüchte der Mütter aus. Macht Segelscheine, besteigt Berge, nimmt an Dschungel-Expeditionen teil. Immer auf Hochleistungsniveau. Sie kann’s ja. Hat die Muttergeneration ja gewusst (und sich für sich selbst noch immer nicht eingestanden, nicht betrauert, nicht losgelassen).

Werden die Töchter als hochbegabt wahrgenommen? Selten. Eher als fleißig, klugt, vernünftig, bescheiden, zielstrebig, wohlgeraten. Doch die Töchter wären nicht Töchter der Generation „Y“, wenn sie nicht früher oder später fragen würden: Warum? Warum sammele ich eigentlich all diese Trophäen, Zeugnisse, Diplome? Was versuche ich eigentlich, mir zu beweisen? Und, viel schlimmer: warum ist es mir auch nach dem X-ten Erfolg noch immer nicht gelungen?

An diesem Punkt laufen Mutter- und Tochtergeneration schweigend und jeweils still vor sich hin grübelnd aneinander vorbei, die eine mit der Frage im Kopf: Soll das eigentlich alles gewesen sein? Ist das alles nicht viel zu wenig? und die andere mit der Frage: Ist das schon alles? Ist das alles nicht überflüssig, nicht das Eigentliche?

Ich wünsche mir, dass diese beiden Generationen, ob als Mutter und Tochter oder als Tante und Nichte, Mentorin und Mentee, als Freundinnen, über diese Fragen ins Gespräch kommen. Und ich wage zu prophezeien, dass sie zu einer gemeinsamen Antwort kommen werden: Ob zu wenig oder zu viel, es ist nicht das Eigentliche. Die Tochter kann der Mutter helfen, ihren enttäuschten Ehrgeiz zu betrauern und loszulassen: Sie hat alles erreicht und fühlt sich genauso leer. Die Mutter kann der Tochter helfen, nicht ins andere Extrem zu kippen: Innerer Rückzug und Fokussierung allein auf die Kinder haben sie nicht vollkommen ausfüllen können. Beide können gemeinsam etwas Neues erschaffen: Ihre eigenen Regeln und Maßstäbe. Sie können einander helfen, ihre Berufung zu entdecken und zu leben. Und ja, dafür ist JETZT genau der richtige Zeitpunkt. Go, girls :-))