Die dem Menschen gestellte Aufgabe ist, die Angst zu erkennen. Denn die Angst ist ein Meister der Verkleidung. Sie versteckt sich sehr oft hinter anderen Gefühlen: Mitleid, Unwohlsein, Stress, Ausgebranntsein, Schmerz, Hass, Aggression.

Ich empfinde Mitleid gegenüber Armen, Schwachen, Sterbenden: Darunter liegt meine Angst, sich in derselben Lage wiederzufinden. Ich fühle mich ausgebrannt: Dahinter steht meine Angst, nie „gut genug“ sein zu können. Ich verspüre den Impuls, mein Gegenüber zu verletzen: Die Angst, selber verletzt zu werden, materialisiert sich.

Je tiefer ich schaue, desto klarer erkenne ich die beiden Grundängste: Die Angst, nicht angenommen, nicht geliebt zu werden, und die Angst, zu sterben.

Was aber passiert im Moment des Erkennens? Die Angst ist ein riesiger, schwarzer Ritter, der, je länger man ihn anschaut ohne wegzulaufen, je mehr man sich ihm nähert, an Größe verliert und schließlich zur Fingerpuppe zusammenschrumpft. Die Angst will besiegt werden, indem man sich ihr stellt. Erkenne ich die Angst hinter anderen Gefühlen und lasse ich sie als eine der beiden Grundängste zu, trauere ich über die Nichtliebe und über die Vergänglichkeit, so schrumpft die Angst und macht anderem Platz.

Was ist dieses andere? Es ist ein Paar: Mut und Empörung. Der Mut, Angst und Trauer anzunehmen. Die Empörung darüber, dass ich mich von den wahren Gründen meiner Unzufriedenheit habe ablenken lassen durch die Verkleidungskünstlerin Angst. Die Empörung über das, was mir vorgaukelt, ich müsse Angst haben, meine Angst sei etwas „Vernünftiges“. In Wahrheit lähmt mich die Angst, sie macht mich unliebesfähig, unliebenswert, unzufrieden und schließlich krank.

Mut und Empörung gehen Hand in Hand und befruchten sich gegenseitig. Ausdauer und Gelassenheit sind ihre stillen Helfer. Ihr gemeinsames Kind ist die Handlung. Die Handlung, die die Gründe der Unzufriedenheit beseitigt.

Lass dich von deiner Angst nicht lähmen, sondern sieh ihr ins Auge – egal, wo sie sich versteckt. Das wünscht dir von Herzen Antje